Dieser Beitrag gehört zu Culture Club, unserer Serie über Songs, die als Remix weit berühmter wurden als in ihrer Originalform.
Das französische Folk-Pop-Duo Lilly Wood and the Prick setzte „Prayer in C" 2010 auf sein Debütalbum Invincible Friends. Es war ein karger, akustischer Song mit einem einprägsamen Hook und fast keinem kommerziellen Profil außerhalb Frankreichs. Vier Jahre lang lag er still in ihrem Katalog.
2014 baute der deutsche DJ und Produzent Robin Schulz einen Deep-House-Remix darum herum. Die Wiederveröffentlichung im Juni 2014 wurde zu einer der größten Dance-Platten des Jahrzehnts und erreichte in rund zwanzig Ländern Platz eins.
Das Original
Das originale „Prayer in C" baut auf einer kreisenden Akustikgitarrenfigur und einem gespenstischen, weltuntergangsartigen Text auf. Es ist ein guter Song. Es war auch, in seinem ersten Leben, jene Art Albumtrack, den eine Band ihren bestehenden Fans live vorspielt und der die Charts nie beunruhigt. Es gab keinen offensichtlichen Weg von dieser Aufnahme zu einem Welthit.
Was der Song hatte, war ein Hook, der sich im Gedächtnis festsetzte, und eine Stimme mit echtem Charakter. Beide überlebten die Verwandlung, die als Nächstes kam.
Der Remix
Robin Schulz behält die Stimme und das Gitarrenmotiv und setzt sie auf einen warmen, geduldigen Deep-House-Groove. Der Remix hetzt nicht. Er lässt den Hook über einem stetigen Kick und einer rollenden Basslinie atmen und verwandelt eine Folk-Klage in eine Platte, die im Tagesradio ebenso funktionierte wie um Mitternacht im Club.
Im Juni 2014 veröffentlicht, war der Schulz-Remix die Nummer eins in der französischen Single-Chart und erreichte Platz eins in einer außergewöhnlichen Bandbreite von Ländern, darunter Deutschland, das Vereinigte Königreich, Italien, Spanien, Schweden, Österreich, Belgien, Irland, die Schweiz und viele mehr. Er machte Robin Schulz zu einem der gefragtesten Remixer und Produzenten der Dance-Musik, ein Ruf, den er kurz darauf mit seinem Remix von Mr. Probz' „Waves" untermauerte.
Warum es zählt
„Prayer in C" zeigt klar, dass ein Song kein Verfallsdatum hat. Zwischen Original und Remix lagen vier Jahre. Die Aufnahme änderte sich in dieser Zeit nicht. Was sich änderte: Jemand hörte den Hook, erkannte, was ein Dance-Arrangement für ihn tun würde, und hatte das produktionstechnische Können, die Verwandlung zwingend wirken zu lassen.
Für Lilly Wood and the Prick löschte der Remix das Original nicht aus. Er stellte ihren Song und ihren Namen einem Publikum vor, das hundertmal größer war als das, das ihr Album erreicht hatte, und die Autorentantiemen folgten.
Deshalb betrachten wir den Back-Katalog als schlafend statt tot. Irgendwo im älteren Werk jedes Künstlers steckt vielleicht ein Hook, den ein Remix wecken kann. Der Remixer bringt das neue Arrangement und das neue Publikum. Der Originalautor behält die Gutschrift und teilt das Ergebnis. Beide gewinnen, vier Jahre zu spät.